Warum das Rad der Geschichte längst elektrisch rollt
Es war ein politisches Beben mit Ansage: Als die EU-Kommission kürzlich verkündete, das strikte Verbot für Neuzulassungen von Verbrennungsmotoren ab 2035 zu lockern und die Prüfung bereits auf das Jahr 2025 vorzuziehen, brachen die Dämme. In den einen Lagern knallten die Korken – man feierte den Sieg der »Vernunft« und die Rettung der deutschen Ingenieurskunst. In den anderen herrschte Weltuntergangsstimmung; man sah die Klimaziele in den Abgasen einer rückwärtsgewandten Politik verschwinden. Die Dramatik war filmreif: Werden wir nun doch noch bis ins nächste Jahrhundert Diesel tanken?
Die Antwort ist so ernüchternd wie eindeutig: Nein. Was wir hier erleben, ist keine technologische Kehrtwende, sondern reine Symbolpolitik. Ein politisches Manöver, das wir in der Fachsprache als »Triangulation« bezeichnen – man besetzt Themen des politischen Gegners, um ihn zu neutralisieren, ohne die reale Richtung zu ändern. Denn während in Brüssel um Worte gerungen wird, hat der Markt sein Urteil längst gefällt.
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EVs haben gewonnen: Die Macht der Milliarden
Man kann die Geschichte der Mobilität nicht gegen die Gesetze der Ökonomie schreiben. Die deutsche Automobilindustrie, oft als das letzte Bollwerk des Kolbenschmiedens heraufbeschworen, hat den Point of no Return längst überschritten. Laut VDA investieren Hersteller und Zulieferer allein bis 2027 weltweit mehr als 250 Milliarden Euro in Forschung und Entwicklung, wobei der Fokus massiv auf der Transformation zur Elektromobilität liegt. Kein CEO in Stuttgart, München oder Wolfsburg wird diese Investitionen abschreiben, nur weil ein EU-Papier nun etwas vager formuliert ist.

Die nackten Zahlen der Neuzulassungen untermauern diesen unaufhaltsamen Trend:
Tabelle 1: Die elektrische Kurve – Neuzulassungen (BEV) in Deutschland
Jahr | Zulassungen (absolut) | Trend |
2015 | ca. 25.000 | Markteintritt |
2017 | ca. 54.000 | Erstes Momentum |
2019 | ca. 191.000 | Durchbruch |
2021 | ca. 355.000 | Massive Skalierung |
2023 | ca. 524.200 | Rekordjahr |
2025 | ca. 545.000 | Marktdurchdringung |
Datenquelle: Kraftfahrt-Bundesamt (KBA).
Das Ende der Ausreden: Reichweite und Infrastruktur
Die klassischen Schreckgespenster der EV-Skeptiker – die »Reichweitenangst« und der Mangel an Ladesäulen – sind 2025 zu Relikten der Vergangenheit geworden. Wer heute noch behauptet, man könne mit einem E-Auto nicht in den Urlaub fahren, hat schlicht die letzten zehn Jahre verschlafen.

Tabelle 2: Infrastruktur und Leistungsfähigkeit im Zeitverlauf
Jahr | Ø Reichweite Mittelklasse | Öffentliche Ladepunkte (DE) |
2015 | ca. 150 km | 5.600 |
2018 | ca. 250 km | 10.761 |
2020 | ca. 350 km | 30.102 |
2023 | ca. 420 km | 82.351 |
2025 | ca. 450 km | 184.606 |
Quelle Ladeinfrastruktur: Bundesnetzagentur / electrive.net.
Sicher, technisch wären noch größere Batterien möglich, aber wirtschaftlich ist das kaum sinnvoll – wir schleppen ja auch keine 2.000-Liter-Tanks in unseren Benzinern mit uns herum.
Der Hebel im Portemonnaie: Warum die Mathematik gewinnt
Am Ende entscheidet nicht die Ideologie, sondern die Brieftasche. Ein Vergleich der Betriebskosten und der Gesamtkosten zeigt, dass das Elektroauto den Verbrenner ökonomisch schlichtweg deklassiert. Ein Blick auf den ADAC-Kostenvergleich 2025 verdeutlicht das: Während ein moderner Benziner bei aktuellen Spritpreisen etwa 13,39 € pro 100 km verschlingt, fährt man mit einem EV bei Heimladung für gerade einmal 6,26 € – das entspricht einer Ersparnis von über 50 %.
Diese Kostenvorteile setzen sich in der Gesamtkostenrechnung (TCO) fort. Betrachtet man eine realistische Haltedauer von acht Jahren, spart der EV-Besitzer inklusive Wertverlust, Wartung und Versicherung gegenüber einem vergleichbaren Benziner rund 4.800 €. Die Zahlen von 2025 belegen, dass die Zulassungen selbst nach dem kompletten Wegfall des Umweltbonus weiter steigen. Der Markt trägt sich mittlerweile selbst – schlicht, weil das elektrische Produkt effizienter und auf lange Sicht deutlich günstiger ist.
Performance und Prestige: Wenn Stille zum Status wird
Und für diejenigen, die dem Sound ihres Porsches hinterherweinen, lohnt sich ein Experiment: Haben Sie jemals das Gaspedal eines modernen High-End-EVs auch nur sanft gestreichelt? Der direkte Vergleich zwischen einem Porsche 911 Turbo und einem Taycan Turbo GT spricht Bände über die technische Überlegenheit der neuen Antriebsart. Während der klassische Verbrenner für den Sprint von null auf 100 km/h beachtliche 2,6 s benötigt, lässt ihn der elektrische Taycan Turbo GT mit nur 2,2 s sprichwörtlich im Regen stehen.
Der Elektromotor bietet ein unmittelbares Drehmoment, das den Verbrenner im direkten Vergleich wie eine mechanische Schreibmaschine im Zeitalter des Quantencomputings wirken lässt. Auch soziologisch wandelt sich die Wahrnehmung: Es ist ein interessantes Phänomen, dass laut dröhnende Motoren heute zunehmend mit einer gewissen »Proleten-Attitüde« assoziiert werden. Wahre Exklusivität definierte sich schon immer über Souveränität und Zurückhaltung. Wer auf Luxusmarken wie Rolls-Royce oder Bentley blickt, weiß: Echter Status braucht keinen Lärm, er ist flüsterleise.
Warum also dieses politische Theater?
Wenn die Fakten so klar sind, warum dann das Drama? Die Antwort liegt im Umgang mit der antidemokratischen Opposition von Rechtsaußen. Politiker der Mitte versuchen verzweifelt, den populistischen Narrativen von der »Bevormundung« und der »Ökodiktatur« den Wind aus den Segeln zu nehmen.
Doch das Risiko ist hoch: Wer die Rhetorik der Rechten kopiert (»Parroting«), validiert oft nur deren Weltsicht. Man suggeriert dem Wähler, dass der technologische Fortschritt tatsächlich eine Art feindlicher Angriff sei, den man abwehren müsse. Das macht die Opposition nicht schwächer, sondern attraktiver – denn wer wählt schon die Kopie, wenn er das Original haben kann?
Auch die Hoffnung, dass durch sinkende Nachfrage nach Öl der Spritpreis fallen und der Verbrenner wieder attraktiv werden könnte, ist eine ökonomische Sackgasse. Erstens sorgt die CO₂-Bepreisung für einen stetigen Aufwärtsdruck, und zweitens verlieren Verbrenner durch die geringeren Stückzahlen ihre Skaleneffekte in der Produktion. Sie werden schlicht zu teuer.
Zusammenfassung: Der Verbrenner wird zur Nische
Alle Zahlen weisen darauf hin: Das E-Auto hat den Kampf gewonnen. Der Verbrennungsmotor wird nicht über Nacht verschwinden, aber er wird zum Nischenprodukt für Liebhaber – vergleichbar mit mechanischen Uhren in einer Welt von Smartwatches. Das »Aus vom Verbrenner-Aus« war ein lautes Pfeifen im dunklen Wald der politischen Umfragen, mehr nicht.
Doch während wir uns noch über Motoren streiten, rollt bereits eine viel radikalere Revolution auf uns zu. Denn die eigentliche Frage der Zukunft lautet nicht: »Wie wird mein Auto angetrieben?«, sondern: »Warum sollte ich überhaupt noch eines besitzen?«
In unserem nächsten Teil schauen wir uns an, warum das Auto im Privatbesitz – zumindest in den Städten – bald so exotisch sein wird wie ein Pferdewagen im Berufsverkehr.
Dieser Artikel ist der erste Teil einer Serie über die Zukunft der Mobilität auf Wissenswert.
