12. Februar 2026

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Die algorithmische Beerdigung der Liebe

VON Helmut Barz

Warum Online-Dating heute eine Dystopie ist

Es gab eine Zeit, da war das Internet ein Versprechen. Ein digitaler Garten Eden für Suchende, Nerds und Menschen, die mehr wollten als den alkoholgeschwängerten Zufall einer Bar. Ich erinnere mich an die Nuller- und frühen Zehnerjahre auf »OKCupid«. Es war ein Arkadien der vernetzten Herzen. Man suchte nach Interessen, man schrieb Mikroblogs, man wühlte sich durch hunderte Fragen, um einen »Match-Score« zu finden, der tatsächlich auf Logik basierte. Über diese Plattform habe ich tolle Menschen kennengelernt. Mit vielen bin ich heute noch befreundet, zwei langjährige Partnerschaften sind aus diesen Begegnungen hervorgegangen. Es war ein Werkzeug der Erweiterung, eine digitale Brücke in die echte Welt.

Doch nach dem Verlust meiner letzten Partnerin im Jahr 2022 und einer Zeit der Verarbeitung kehrte ich 2023 zurück. Ich erwartete den vertrauten Garten. Gefunden habe ich eine dystopische Trümmerlandschaft. Die tollen Features – die gezielte Suche nach Interessen, die Benutzernamen, das Mikroblogging – waren verschwunden. Der transparente Score war einer Blackbox gewichen. Was ich vorfand, war die totale Industrialisierung der Romantik. Es war nicht mehr das Tool, das ich kannte. Es war eine Maschine, die darauf programmiert war, mich einsam zu halten.

Dieser Beitrag als Podcast

Arkadien in Bits und Bytes: Die Ära vor dem Swipe

In der Frühphase des Online-Datings, die ich so schätzen gelernt habe, war die Machtverteilung noch eine völlig andere. Plattformen wie »OKCupid« fungierten primär als Datenbanken. Der Nutzer besaß die Hoheit über den Suchprozess. Man konnte gezielt nach Nischeninteressen filtern – von obskuren Musikrichtungen bis hin zu spezifischen philosophischen Ansichten. Diese Funktionalität ermöglichte es, kompatible Partner abseits rein optischer Kriterien zu identifizieren. Das Profil war kein kurzer Werbespot, sondern ein tiefschürfendes Manifest. Die Einbettung in eine soziale Gemeinschaft durch Blogs und Foren förderte eine Auseinandersetzung, die weit über das heute übliche »Hi, wie geht’s« hinausging. Es war eine Zeit der Entdeckung, in der das Internet die soziale Reichweite vergrößerte, ohne die menschliche Würde zu untergraben.

Ein zentrales Element dieser Ära war das Prinzip des transparenten Scorings mittels tausender User-Fragen. Das System funktionierte auf einer mathematisch nachvollziehbaren Basis: Man beantwortete eine Frage, gab an, welche Antwort man vom Gegenüber erwartete, und gewichtete die Bedeutung dieses Themenaspekts. Daraus errechnete der Algorithmus einen Match-Prozentsatz, der tatsächlich eine inhaltliche Übereinstimmung widerspiegelte. Man wusste genau, warum man mit jemandem eine hohe Kompatibilität aufwies – sei es bei politischen Ansichten, religiösen Werten oder schlicht dem Lebensstil. Auch andere namhafte Partnervermittlungen dieser Zeit setzten auf ähnliche, oft wissenschaftlich fundierte Psychotests und Persönlichkeitsanalysen, um qualitativ hochwertige Matches auszuspielen. Der Fokus lag darauf, Menschen zusammenzubringen, die auf einer tiefen psychologischen Ebene harmonierten, anstatt sie lediglich durch einen optischen Fleischwolf zu drehen.

Die Rückkehr in die Ruinen: Eine Bestandsaufnahme des Grauens

Als ich 2023 den Versuch wagte, wieder in diese Welt einzutauchen, war von diesem Geist nichts mehr übrig. Die Transformation zur »Tinderisierung« war abgeschlossen. Wo früher Tiefe war, herrschte nun eine aggressive Oberflächlichkeit. Das Nachrichtensystem war so umgebaut worden, dass Kommunikation faktisch erst nach einem beidseitigen »Like« möglich war, was den Vorteil von Witz oder Intellekt zugunsten der rein visuellen Erstbeurteilung nivellierte. Der Nutzer wird heute vom aktiven Suchenden zum passiven Konsumenten eines unendlichen Profil-Stroms degradiert. Es ist eine Welt, in der die Autonomie des Individuums systematisch beschnitten wurde, um den Nutzer in einem geschlossenen Kreislauf zu halten.

Das Retention-Paradoxon: Warum dein Glück schlecht fürs Geschäft ist

Das fundamentale Problem moderner Dating-Apps ist rein struktureller Natur. Die »Match Group«, der Gigant, dem heute fast alles von Tinder über Hinge bis hin zu OKCupid gehört, operiert unter einer Logik, die dem Nutzerglück feindlich gegenübersteht. Dieses Phänomen wird als Retention-Paradoxon bezeichnet. In einem börsennotierten Unternehmen ist ein glücklich vermitteltes Paar ein verlorener Kunde. Wer die Liebe seines Lebens findet, löscht die App und beendet das Abonnement. Ein effizientes System würde sich also selbst den Kundenstamm entziehen. Um den Profit und den »Customer Lifetime Value« zu maximieren, darf das Produkt gar nicht zu gut funktionieren. Die App muss uns gerade so viel Hoffnung geben, dass wir bleiben, aber niemals so viel Erfolg gewähren, dass wir gehen.

Die Skinner-Box der Herzen: Romantik am einarmigen Banditen

Um dieses Ziel der dauerhaften Nutzerbindung zu erreichen, wurden die Apps von Vermittlungstools zu digitalen Spielautomaten umgebaut. Der »Swipe« ist psychologisch betrachtet eine digitale Skinner-Box. Er nutzt das Prinzip der intermittierenden Verstärkung: Ein Nutzer weiß nie, ob die nächste Wischbewegung zu einem Match führt. Diese Unvorhersehbarkeit erzeugt einen massiven Dopamin-Anreiz, der dem Mechanismus von Glücksspielautomaten gleicht. Jeder Swipe wohnt die Hoffnung auf einen Gewinn inne, und wenn die Belohnung ausbleibt, wird das Verhalten nicht gelöscht, sondern intensiviert. Wir wischen weiter, getrieben von der Erwartung, dass der nächste Treffer unmittelbar bevorsteht. Das ist keine Romantik, das ist Verhaltenspsychologie zur Gewinnmaximierung.

Die Demontage der Autonomie: Das Fallbeispiel OKCupid

Nirgendwo lässt sich dieser Abstieg schmerzhafter beobachten als am Beispiel von »OKCupid«. Ursprünglich von Mathematikern gegründet, basierte die Plattform auf der Prämisse, dass Kompatibilität durch granulare Datenpunkte vorhersagbar sei. Doch nach der Übernahme durch die »Match Group« wurden systematisch alle Werkzeuge entfernt, die für Nutzerautonomie sorgten. Keine Keyword-Suche mehr, keine Möglichkeit, gezielt nach Menschen in der Umgebung zu suchen, die bestimmte Werte teilen. Stattdessen wurden wir in den algorithmisch kuratierten »Discovery«-Feed gezwungen. Diese Änderung dient faktisch dazu, alle Interaktionen durch den monetarisierbaren Trichter des Algorithmus zu leiten. Die Kontrolle wurde vom Menschen auf den Code übertragen, der nun entscheidet, wer für uns »sichtbar« sein darf.

Pay-to-Play: Die Monetarisierung der Hoffnung

Die ökonomische Gier hat jedoch eine neue Stufe erreicht, die weit über das einfache Abonnement hinausgeht. Heute regiert das Prinzip des »Pay-to-Play«. Selbst wer bereits ein kostenpflichtiges Abo abgeschlossen hat, wird bei Plattformen wie »OKCupid« oder Tinder mit zusätzlichen Mikrotransaktionen konfrontiert. Wer wirklich gesehen werden will, muss »Boosts« kaufen; wer eine Nachricht priorisiert zustellen möchte, zahlt extra. Diese künstlich erzeugte Verknappung von Sichtbarkeit führt dazu, dass Intimität zu einer Frage des Geldbeutels wird. Es entsteht ein Zwei-Klassen-System der Romantik: Wer zahlt, darf hoffen; wer nicht zahlt, bleibt im algorithmischen Keller. Diese Strategie zielt direkt auf die verletzlichste Gruppe ab – einsame Menschen, die bereit sind, hunderte Euro auszugeben, um der digitalen Bedeutungslosigkeit zu entkommen.

Das digitale Bordell: Die Deformation der männlichen Psyche

Die fatalste Folge dieses »Pay-to-Play«-Modells ist die Entstehung einer sogenannten »Bordell-Mentalität«, besonders bei männlichen Nutzern. Wenn ein Mann viel Geld für Abos, Boosts und Super-Likes ausgibt, verändert das seine Wahrnehmung des Gegenübers grundlegend. Das Dating wird von einer menschlichen Begegnung zu einer transaktionalen Dienstleistung. Der Gedanke »Ich habe bezahlt, also steht mir eine Gegenleistung zu« vergiftet die Interaktion. Frauen werden nicht mehr als eigenständige Subjekte wahrgenommen, sondern als das Endprodukt einer teuren Investitionskette. Diese Haltung führt zu einer aggressiven Anspruchshaltung, die bei Ausbleiben des gewünschten Erfolgs (Sex oder Bestätigung) in Wut und Frauenhass umschlägt. Die App wird so zu einem Ort, an dem Menschenwürde gegen Klicks und Coins eingetauscht wird.

Die algorithmische Unsichtbarkeit: Warum der Durchschnittsmann scheitert

Diese neue algorithmische Realität trifft die Geschlechter auf unterschiedliche, aber gleichermaßen verheerende Weise. Die Mehrheit der männlichen Nutzer findet sich heute in einer Wüste der Unsichtbarkeit wieder. Moderne Algorithmen nutzen einen sogenannten Popularity Bias. Das System bewertet Nutzer basierend darauf, wie viele andere sie liken. Wer populär ist, wird noch populärer gemacht; wer durchschnittlich ist, verschwindet in einem unsichtbaren Pool. Für den Durchschnittsmann bedeutet das eine konstante Erfahrung der Ablehnung oder, noch schlimmer, der völligen Ignoranz. Das Ausbleiben von Matches wird oft nicht als statistisches Artefakt eines manipulierten Marktes verstanden, sondern als persönliche Ablehnung der eigenen Existenz, was den Selbstwert massiv untergräbt.

Die Pipeline in die Dunkelheit: Von der Ablehnung zur Radikalisierung

Der Frust, der aus dieser künstlich erzeugten Unsichtbarkeit resultiert, ist der ideale Nährboden für gefährliche Ideologien. Wenn Männer über Monate hinweg keine einzige positive Rückmeldung erhalten, suchen sie nach Erklärungen. Hier setzen Subkulturen der »Manosphere« an, die diese Frustration kanalisieren. Die Incel-Ideologie oder die »Black Pill« nutzen die verzerrten Daten der Dating-Apps als empirischen Beweis für ihre menschenfeindlichen Weltbilder. Sie argumentieren, dass nur eine winzige Elite von Männern überhaupt eine Chance hat, und treiben junge, verunsicherte Männer in den Frauenhass. Die Apps fungieren hierbei unfreiwillig als Radikalisierungsbeschleuniger, indem sie ein Umfeld schaffen, in dem Ablehnung zur Dauererfahrung wird.

Die Illusion der Unfehlbarkeit: Der inflationäre Marktwert der Frau

Man muss jedoch ehrlich genug sein, auch die Kehrseite dieser Medaille zu betrachten: Die psychologische Deformation der weiblichen Seite durch das algorithmische Design. Da Männer – oft aus schierer Verzweiflung oder als Reaktion auf das »Pay-to-Play«-System – dazu neigen, fast jedes Profil nach rechts zu swipen, entsteht bei Frauen eine fatale Illusion der unendlichen Verfügbarkeit. Eine Durchschnittsfrau erhält hunderte von »Likes«, was zu einer massiven Überschätzung des eigenen »Marktwerts« führt. Dieser durch den Algorithmus induzierte Bewertungsfehler suggeriert eine Auswahlmöglichkeit, die realstatistisch gar nicht existiert. Das Ergebnis ist eine Spirale aus Arroganz und Enttäuschung, die jede normale Begegnung im Keim erstickt.

Dass dies keine reine theoretische Spekulation ist, lässt sich täglich in den einschlägigen Videos auf TikTok »bewundern«. In kurzen Clips zelebrieren Frauen ihre scheinbare Machtposition, indem sie hunderte Matches präsentieren und sich über Männer lustig machen, die ihre hohen Standards nicht erfüllen. Diese Form des digitalen Hochmuts wird durch die Plattformen nicht nur geduldet, sondern durch virale Trends aktiv befeuert. Es ist eine Kultur der öffentlichen Herabwürdigung entstanden, die in ihrer Essenz tiefen Sexismus gegenüber Männern normalisiert. Selbst aus feministischer Sicht wird dieser Trend zunehmend kritisch hinterfragt, da er Männer essenzialisiert und Frauen in eine reaktionäre Rolle drängt, die echte Gleichberechtigung und menschliche Begegnung auf Augenhöhe unmöglich macht.

Das 6-6-6-Phantom: Wenn Ansprüche ins Leere laufen

Diese künstlich aufgeblähte Selbstwahrnehmung mündet oft in Anforderungen an potenzielle Partner, die polemisch als »6-6-6«-Regel zusammengefasst werden: Der Mann müsse mindestens 1,83 Meter groß sein (6 Feet), ein sechsstelliges Einkommen vorweisen und ein Sixpack besitzen. Dass statistisch gesehen nur ein verschwindend geringer Bruchteil der männlichen Bevölkerung diese Kriterien überhaupt erfüllen kann, spielt in der algorithmischen Blase keine Rolle mehr. Frauen konkurrieren so um die obersten Promille des Dating-Marktes und werten den Rest der Männer als unzureichend ab. Dies führt zu einer paradoxen Situation: Während Frauen über einen Mangel an »qualitativ hochwertigen« Männern klagen, ignorieren sie die Masse der kompatiblen Partner, weil der Algorithmus ihnen vorgaukelt, sie könnten jederzeit »nach oben« daten.

Das Meer der Belanglosigkeit: Der qualitative Mangel im quantitativen Überfluss

In der Konsequenz leiden Frauen auf diesen Plattformen unter einem qualitativen Mangel im quantitativen Überfluss. Sie werden mit Aufmerksamkeit überschüttet, die jedoch meist substanzlos oder rein sexuell motiviert ist. Dieser »Choice Overload« führt zu einer massiven psychischen Belastung. Das menschliche Gehirn ist nicht darauf ausgelegt, hunderte von potenziellen Partnern gleichzeitig zu evaluieren. Das Resultat ist eine tiefe Erschöpfung, das Gefühl, in einem Meer aus minderwertigen Optionen zu ertrinken, ohne jemals echte Tiefe zu finden. Die ständige Konfrontation mit Belästigung und dem Druck, ständig »auswählen« zu müssen, führt oft zu einem kompletten Rückzug in die totale Apathie.

Die transaktionale Rüstung: Sprinkle Sprinkle als Überlebensstrategie

Als Reaktion auf diese toxische Umgebung und die Entwertung der Intimität haben sich auch auf weiblicher Seite radikale Gegenstrategien entwickelt. Ein prominentes Beispiel ist die »Sprinkle Sprinkle«-Philosophie. Hier wird Frauen geraten, Dating rein transaktional und materialistisch zu betrachten. Wenn die Welt der Apps Romantik unmöglich macht, so die Logik, dann sollte man zumindest den finanziellen Nutzen maximieren. Diese Form der defensiven Hypergamie ist eine direkte Spiegelung der männlichen »Red Pill«-Strategien. Beide Seiten ziehen sich in Schützengräben zurück und betrachten das Gegenüber nur noch als Ressource oder Gegner, was jede Chance auf eine authentische menschliche Verbindung im Keim erstickt.

Die Ökonomie der Feindseligkeit: Der monetarisierte Geschlechterkampf

Man könnte meinen, dass dieser Zustand der allgemeinen Unzufriedenheit den Plattformen schadet, doch das Gegenteil ist der Fall. Die »Match Group« und ihre Konkurrenten verdienen prächtig an diesem digitalen Geschlechterkrieg. Wütende Männer zahlen eher für »Boosts« oder horrende Summen für »Super-Premium«-Abos wie »Tinder Select«, um der algorithmischen Unsichtbarkeit zu entkommen. Verunsicherte Frauen nutzen Premium-Features, um die Flut der Nachrichten besser zu filtern. Die Unsicherheit und der Frust der Nutzer sind der Treibstoff des Geschäftsmodells. Je schlechter wir uns fühlen, desto eher sind wir bereit, uns für Geld einen vermeintlichen Vorteil zu kaufen. Es ist eine Ökonomie der Einsamkeit, die an unserem Leid verdient.

Dating App Fatigue: Wenn die Erschöpfung zum Standard wird

Doch das System zeigt erste Risse. Die nachrückenden Generationen, insbesondere die Generation Z, haben die Nase voll. Daten belegen eine massive Dating-App-Müdigkeit. Rund 80 % der jungen Nutzer geben an, sich von den Apps ausgebrannt zu fühlen. Die Erkenntnis, dass das »Spiel« manipuliert ist, sickert langsam ins kollektive Bewusstsein. Was früher als moderne Art des Kennenlernens galt, wird heute zunehmend als »cringe« und Zeichen sozialer Inkompetenz wahrgenommen. Die Nutzerzahlen stagnieren oder sinken in vielen Segmenten, während die Deletions-Raten steigen. Die Menschen beginnen zu verstehen, dass sie in einer Simulation von Intimität gefangen sind, die niemals hält, was sie verspricht.

Die Flucht nach vorn: KI-Concierges und die totale Entmenschlichung

Anstatt jedoch die systemischen Fehler zu korrigieren und das Design menschlicher zu gestalten, flüchtet die Industrie in die nächste technologische Dystopie: die Künstliche Intelligenz. Branchenführer skizzieren bereits eine Vision von KI-Dating-Concierges. In diesem Szenario würden autonome KI-Agenten für uns auf Dates gehen, mit den Concierges anderer Nutzer verhandeln und erst dann ein Treffen arrangieren, wenn die Algorithmen sich einig sind. Das wäre die endgültige Kapitulation vor der Menschlichkeit. Wenn wir nicht einmal mehr fähig sind, selbst miteinander zu kommunizieren, sondern Bots aufeinander loslassen, haben wir die Fähigkeit zur echten Verbindung bereits verloren. Es ist der Versuch, die Reibung des Lebens durch einen sterilen Code zu ersetzen.

Die Abkehr vom System: Slow Dating als radikale Antwort

Die gute Nachricht ist: Der Widerstand wächst, und er ist versöhnlich. Überall entstehen Alternativen, die das System vom Kopf auf die Füße stellen wollen. Ein vielversprechender Ansatz ist das »Slow Dating«, wie es beispielsweise von der Plattform Breeze praktiziert wird. Hier gibt es kein endloses Chatten und kein manipulatives Swipen. Das Geschäftsmodell ist revolutionär einfach: Die App verdient nur Geld, wenn ein echtes Treffen zustande kommt. Man zahlt pro Date, nicht pro Minute in der App. Damit werden die Interessen des Unternehmens endlich wieder mit denen der Nutzer in Einklang gebracht. Es geht um Qualität statt Quantität, um Präsenz statt Bildschirmzeit.

Das Manifest der Langsamkeit: Die Renaissance des geschriebenen Wortes

Parallel dazu beobachten wir eine Rückbesinnung auf die Tiefe der Kommunikation durch das Phänomen der »Date-Me Docs«. Anstatt sich in austauschbaren Profilen zu präsentieren, verfassen Menschen wieder ausführliche Manifeste in Form von Google Docs. Diese Dokumente enthalten Werte, Ziele, Ängste und Träume. Sie fordern vom Gegenüber Zeit und Aufmerksamkeit. Wer bereit ist, 2000 Wörter über einen anderen Menschen zu lesen, sucht keine schnelle Bestätigung, sondern eine echte Verbindung. Es ist eine digitale Rückkehr zur Langsamkeit der klassischen Kontaktanzeige, die den Menschen wieder als Ganzes begreift und nicht als wischbares Bild.

Der analoge Widerstand: Laufschuhe und grüne Ringe

Der vielleicht hoffnungsvollste Trend ist jedoch die Rückkehr in den physischen Raum. In Metropolen weltweit boomen Run Clubs und andere Hobby-Gemeinschaften, die explizit als neue Single-Börsen fungieren. Sie bieten genau das, was Apps systematisch zerstört haben: Physische Präsenz, nonverbale Signale und eine gemeinsame Aktivität ohne den künstlichen Druck eines formellen Dates. Auch Experimente wie der »Pear Ring«, ein einfacher grüner Ring, der im echten Leben Signalbereitschaft anzeigen, zeigen den tiefen Wunsch der Menschen, die Barrieren der Interaktion wieder analog zu überwinden. Wir wollen uns wieder in die Augen schauen können, ohne vorher durch einen Filter bewertet worden zu sein.

Ein neues Manifest der Intimität: Den Menschen zurückholen

Wir müssen uns eines klarmachen: Wenn wir uns im heutigen Online-Dating einsam, unsichtbar oder ausgebrannt fühlen, dann liegt das nicht an unserem persönlichen Wert. Es liegt an einem Design, das darauf programmiert ist, unsere tiefsten Bedürfnisse zu monetarisieren. Wir sind nicht die Kunden dieser Apps, wir sind die Rohstoffe in einer Ökonomie der Aufmerksamkeit. Doch wir haben die Wahl. Wir können uns entscheiden, die Spielregeln der »Match Group« abzulehnen. Die Zukunft der Romantik liegt nicht in einem »noch besseren« Algorithmus oder einem KI-Concierge. Sie liegt in der radikalen Rückkehr zum Menschlichen. Hören wir auf, uns als Datenpunkte behandeln zu lassen. Fangen wir an, wieder echte Menschen zu suchen – mit all ihrer Unvollkommenheit und Komplexität. Die Liebe ist zu wertvoll, um sie einem Code zu überlassen, der nur an unserem Verharren in der Einsamkeit verdient.

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