19. März 2026

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Die Architektur der Enthemmung: Wie uns die Politik die Erlaubnis zum Hassen verkauft

VON Helmut Barz

Es ist wieder diese Zeit in Offenbach. Wer dieser Tage durch die Straßen unserer Stadt geht, vorbei an den Dönerläden der Kaiserstraße, den Cafés am Wilhelmsplatz und den Baustellen im Hafen, begegnet ihnen an jeder Ecke: den Gesichtern der »Vernunft«, den Versprechen von »Sauberkeit« und den Warnungen vor dem Verfall des »Stadtbildes«. Auf den ersten Blick wirken die Plakate der CDU, der FDP und – in ihrer unverblümten Hässlichkeit – der AfD wie gewöhnliche Wahlwerbung. Doch wer genauer hinsieht, erkennt eine perfide psychologische Tiefenstruktur.

In der Werbepsychologie gibt es einen alten Lehrsatz: »Gute Werbung motiviert – brillante Werbung gibt Erlaubnis.« Während die herkömmliche Reklame versucht, uns mühsam zu einer Handlung zu überreden, räumt die brillante Werbung lediglich ein Hindernis aus dem Weg. Sie gibt uns die moralische Lizenz, das zu tun, was wir eigentlich schon immer wollten, uns aber bisher nicht getraut haben. In der Warenwelt ist das harmlos: Der Schokoriegel wird zur »kleinen Belohnung«, die man sich »gönnen darf«. In der Politik unserer Tage jedoch ist dieses Prinzip zur Waffe geworden. Es geht nicht mehr um die Erlaubnis zum Konsum, sondern um die Erlaubnis zur Enthemmung. Es ist die Erteilung einer Lizenz zur Externalisierung von Affekten, die in einem zivilisierten Diskurs eigentlich der normativen Kontrolle unterliegen sollten.

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Der Kiosk-Effekt: Vom Schokoriegel zur Ausgrenzung

Um zu verstehen, wie Friedrich Merz, die Offenbacher FDP oder die AfD-Bundestagsfraktion unsere Psyche hacken, müssen wir das Konzept des Permission Marketings neu betrachten. Ursprünglich von Seth Godin als respektvolles Einholen einer Erlaubnis zur Kommunikation gedacht, hat die politische Rechte diesen Begriff mutiert. Heute bedeutet »Permission« die psychologische Erlaubnis zur Handlung – oder vielmehr: zum Ressentiment.

Stellen Sie sich vor, Sie stehen an einer Supermarktkasse. Ein innerer Widerstand sagt Ihnen: »Iss diesen Riegel nicht, er ist ungesund.« Die Werbung auf dem Display flüstert jedoch: »Du hattest einen harten Tag. Du hast es dir verdient.« In diesem Moment wird der Widerstand gebrochen. Genau so funktioniert die aktuelle »Stadtbild«-Rhetorik. Der Bürger spürt vielleicht ein diffuses Unbehagen gegenüber der Vielfalt in Offenbach, weiß aber, dass offener Rassismus gesellschaftlich geächtet ist. Dann tritt ein Spitzenpolitiker auf und sagt: »Wir haben ein Problem im Stadtbild.« Und plötzlich ist das Ressentiment nicht mehr »rassistisch«, sondern »vernünftige Sorge um die Heimat«. Die Schamgrenze fällt, die Erlaubnis ist erteilt.

Moral Licensing: Das Schutzschild der »guten Absicht«

Ein zentraler Mechanismus dieser Architektur ist das sogenannte »Moral Licensing« (moralische Lizenzierung). Die Sozialpsychologie beschreibt damit ein Phänomen, bei dem Menschen sich die Freiheit herausnehmen, unmoralisch zu handeln, nachdem sie zuvor etwas »Gutes« getan oder eine moralisch unangreifbare Position eingenommen haben. Forschungsergebnisse zeigen, dass selbst Experten dazu neigen, verzerrte Informationen zu geben, sobald sie sich durch eine vorangestellte Warnung moralisch entlastet fühlen.

In der Politik wird dieses Prinzip meisterhaft instrumentalisiert. Nehmen wir Friedrich Merz’ berüchtigte Reaktion auf die Kritik an seiner »Stadtbild«-Aussage im Oktober 2025. Als er in Potsdam mit dem Vorwurf des Rassismus konfrontiert wurde, entgegnete er: »Fragen Sie mal Ihre Töchter, was ich damit gemeint haben könnte.«

Das ist brillantes, wenn auch zutiefst bösartiges Moral Licensing. Indem Merz sich als Beschützer »unserer Töchter« inszeniert, baut er ein moralisches Kapital auf. Wer kann schon gegen den Schutz von Frauen sein? Mit diesem Schild vor der Brust erteilt er sich und seinen Anhängern die Lizenz, im nächsten Atemzug ganze Bevölkerungsgruppen pauschal als Bedrohung im öffentlichen Raum zu markieren. Der Schutz der Frauenrechte – für die Merz in seiner Karriere, man denke an die Debatte zur Vergewaltigung in der Ehe, wahrlich nicht immer an vorderster Front stand – wird hier zum Instrument der ästhetischen und sozialen Ausgrenzung. Es ist eine Instrumentalisierung des Feminismus, die lediglich dazu dient, die xenophobe Schamwand einzureißen.

Last-Place Aversion: Warum wir nach unten treten

Warum aber verfängt diese Rhetorik gerade in Städten wie Offenbach, wo das Miteinander eigentlich tägliche Praxis ist? Die Antwort liefert die »Last-Place Aversion« (die Abneigung gegen den letzten Platz). Eine Studie von Kuziemko et al. belegt, dass Menschen am unteren Ende der sozialen Hierarchie eine überproportionale Angst davor haben, von noch schwächeren Gruppen überholt zu werden.

Menschen, die hart arbeiten und gerade so über die Runden kommen, entwickeln eine paradoxe Psychologie: Sie opponieren am stärksten gegen eine Erhöhung des Mindestlohns oder soziale Verbesserungen für Geflüchtete, weil sie den emotionalen Wert ihres »vorletzten Platzes« verteidigen wollen. Sie brauchen jemanden, auf den sie herabsehen können, um ihren eigenen Status zu stabilisieren.

Die politische Werbung der FDP Offenbach spielt virtuos auf dieser Klaviatur. Wenn im Kommunalwahlkampf 2026 gegen »links« mobilisiert wird und man eine »Willkommenskultur für Unternehmen« fordert, während man gleichzeitig das »Stadtbild« säubern will, sendet man eine klare Botschaft an die untere Mittelschicht: »Wir sorgen dafür, dass ihr nicht die Letzten seid. Die 'Anderen', die 'Unproduktiven', die das Stadtbild stören – das sind die wahren Gegner.« Es ist die Erlaubnis, die eigene Abstiegsangst in Aggression gegen Migranten umzudeuten, statt sie als systemisches Problem der sozialen Ungerechtigkeit zu begreifen.

Das »Stadtbild« als Tatort der Ästhetisierung

Der Begriff des »Stadtbildes« ist zur zentralen Chiffre dieser Kampagnen geworden. Es ist eine semantische Verschiebung von der Politik zur Ästhetik. Migration wird nicht mehr als rechtliche oder ökonomische Frage diskutiert, sondern als »optische Umweltstörung«. Ein Mensch ohne dauerhaften Aufenthaltsstatus wird im Merz’schen Narrativ zu einem »Problem im Stadtbild«.

Diese Wortwahl ist deshalb so gefährlich, weil sie Menschen entmenschlicht. Ein »Bild« kann man reinigen, ein »Problem« kann man beseitigen. In Offenbach flankiert die CDU diesen Diskurs mit ihrer »24-Stunden-Dreck-Weg-Garantie«. Was vordergründig nach harmloser Kommunalpolitik klingt, ist tiefenpsychologisch aufgeladen. Wenn die »Reinigung« der Stadt in einem Atemzug mit der Forderung nach »konsequentem Vorgehen« gegen Obdachlose oder »herumlungernde« Gruppen genannt wird, dann wird das Stadtbild zum Exklusionsraum. Die Botschaft: »Wer nicht ins saubere, produktive Bild passt, ist Schmutz.«

Es ist eine Form der »sanften Gewalt«, die durch Sprache vorbereitet wird. Die Werbung gibt uns die Erlaubnis, die bloße Sichtbarkeit eines anderen Menschen als einen Akt der Aggression gegen unsere Ordnung wahrzunehmen. Dies triggert den Hostile Attribution Bias – die Tendenz, neutralen Situationen (ein junger Mann steht an der Straßenecke) eine feindselige Absicht zu unterstellen.

Der statistische Fetisch: Zahlen als Entfessler

Keine Permission-Werbung kommt ohne den Anschein von Objektivität aus. Hier tritt die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) auf den Plan. Sie fungiert in der politischen Kommunikation als »statistischer Fetisch«. Die AfD nutzt dies zur Perfektion, indem sie ständig nach »Tatverdächtigenbelastungszahlen« fragt, um die Staatsangehörigkeit von Tatverdächtigen überzubetonen.

Doch Vorsicht: Die PKS bildet lediglich das »Hellfeld« ab – also das, was die Polizei sieht. Und was die Polizei sieht, hängt davon ab, wo sie hinschaut. Wenn die Politik in Offenbach mehr Kontrollen im »Stadtbild« fordert, führt das zwangsläufig zu mehr registrierten Delikten in genau diesen Bereichen (z.B. Verstöße gegen das Aufenthaltsrecht). Diese steigenden Zahlen werden dann im nächsten Wahlkampf als Beweis für die »sinkende Sicherheit« genutzt. Es ist eine selbsterfüllende Prophezeiung.

Dabei ignorieren diese Kampagnen konsequent die realen Fakten: Die Zahl der vollendeten Morde und schweren Gewaltdelikte in Deutschland ist langfristig signifikant rückläufig. Aber Fakten sind in der Erlaubnis-Werbung zweitrangig. Hier zählt die »Cognitive Emotional Pedagogy«: Wenn ich Angst habe, muss es eine Gefahr geben. Die Werbung liefert die passende Statistik dazu, um dieses Gefühl moralisch zu adeln.

Historische Echos: Die Lust an der Unterordnung

Man muss es in aller Deutlichkeit sagen: Die Rede von der »Störung des Stadtbildes« durch bestimmte Menschengruppen hat in Deutschland eine dunkle Tradition. Sie erinnert an die jahrhundertelange Kriminalisierung und Ausgrenzung von Sinti und Roma. Auch heute noch glauben laut Studien etwa 44 % der Deutschen, Sinti und Roma würden »zur Kriminalität neigen«.

Diese tief verwurzelten Vorurteile sind das Ergebnis einer jahrhundertelangen »Werbung der Erlaubnis«, die es der Mehrheitsgesellschaft gestattete, diese Gruppe als rechtlosen »Fremdkörper« zu behandeln. Die heutige Rhetorik gegen Geflüchtete nutzt exakt dieselben Mechanismen der räumlichen Verdrängung und Stigmatisierung.

Es bedient die psychologische Disposition des Autoritarismus. Die Kurzskala Autoritarismus (KSA-3) zeigt, dass autoritäre Persönlichkeiten nach Konventionalismus, Unterwürfigkeit gegenüber starken Führern und Aggression gegen Normverletzer dürsten. Die aktuelle Werbung entfesselt diese Neigungen. Sie sagt dem Bürger: »Deine Aggression gegen das Fremde ist kein Hass, sondern ein Dienst an der Ordnung.«

Reclaiming Offenbach: Wir sind das Stadtbild!

Was bedeutet das für uns in Offenbach? Unsere Stadt ist kein unbelebtes Gemälde, das es vor »Verschmutzung« zu schützen gilt. Offenbach ist ein lebendiger Raum des täglichen Aushandelns. Wer von »sauberen Stadtbildern« schwadroniert, meint in Wahrheit die Auslöschung der sozialen Realität zugunsten einer sterilen Wohlfühlzone für diejenigen, die »das Gemeinwesen unterstützen« (FDP).

Die bürgerliche Mitte, von der CDU bis zur FDP, fungiert hier als Brückentechnologie. Sie normalisiert Begriffe und Frames, die am Ende nur der AfD nützen. Indem sie die Verschiebung des Overton-Fensters vorantreiben, bereiten sie den Boden für eine Gesellschaft, in der Empathie als »Realitätsflucht« (Fleischhauer) verspottet wird.

Wir müssen dieser Form der »brillanten Werbung« die Erlaubnis entziehen. Wir müssen demaskieren, dass hinter dem Ruf nach »Sicherheit und Sauberkeit« oft nur die hässliche Fratze der Last-Place Aversion steckt. Wahre Sicherheit in einer Stadt entsteht nicht durch Kameras und Abschiebungen, sondern durch soziale Integration und die Anerkennung der Würde jedes Einzelnen – völlig ungeachtet dessen, wie er in das »Bild« der Mächtigen passt.

Das Stadtbild von Offenbach ist vielfältig, laut, manchmal dreckig und immer in Bewegung. Und genau das ist seine Stärke. Wir lassen uns die Erlaubnis zum Hass nicht als »Vernunft« verkaufen. Denn am Ende bemisst sich die Qualität einer Stadt nicht an ihrer Sauberkeit, sondern an ihrer Menschlichkeit.

Quellen und weiterführende Informationen:

ZHAW-Gutachten zur Gewaltentwicklung in Deutschland

Kriminalitätsfurcht und Wahlverhalten – Eine Analyse der Kriminologischen Forschungsstelle

PKS-Interpretation: Wichtige Hinweise des BKA

Die Kurzskala Autoritarismus (KSA-3) der GESIS

Studie zur Last-Place Aversion – The Quarterly Journal of Economics

Bericht von INACH: Framing Hate in den Bundestagswahlen 2025

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