29. Januar 2026

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»Mensch mit Behinderung« – Inklusion oder Etikettenschwindel?

VON Helmut Barz

»Mensch mit Behinderung«: Wann immer mich ein wohlmeinender Nicht-Behinderter so bezeichnet, möchte ich meine roten Boxhandschuhe überstreifen und ihm die Nase platt hauen. Das mache ich natürlich nicht. Wenn ich stattdessen aber nachfrage, warum er gerade diese Bezeichnung für mich verwendet, erhalte ich praktisch immer die hochnäsig belehrende Antwort, damit würde er doch nur »betonen, dass ich ein Mensch bin«.

Das macht mich meist noch wütender. Denn ob ich ein Mensch bin oder nicht, hängt nicht von meiner Behinderung ab – und auch nicht davon, ob mich »Mrs. Wohlmeinend« als solchen bezeichnet. Was sollte ich denn sonst sein? Eine Mohrrübe?

Dieser sprachliche Kleinkrieg mag für Außenstehende wie Haarspalterei wirken. Doch hinter der Fassade der politischen Korrektheit verbirgt sich ein tieferliegendes Problem: Das semantische Placebo. Wir investieren massive Energie in die Polierung unserer Begrifflichkeiten, während die physische und ökonomische Welt für uns weiterhin aus Treppenstufen und verschlossenen Türen besteht. Bevor wir uns die linguistischen Details anschauen, möchte ich erklären, warum mich diese Herablassung so tief trifft. Es geht nicht um Eitelkeit, sondern um eine Geschichte, die an den Kern meiner Existenz rührt.

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Warum ich das persönlich nehme: Der Blick in den Abgrund

Um zu verstehen, warum ich so allergisch reagiere, muss man meinen Hintergrund kennen. Ich bin selbst ein »Mensch mit Behinderung«. Mit mehreren, um genau zu sein: Ich bin hörgeschädigt und auf ein Cochlea-Implantat angewiesen, habe eine angeborene Gehbehinderung und eine künstliche Herzklappe. Der Kern des Ganzen ist eine Stoffwechselstörung, die mich in dunkleren Zeiten der deutschen Geschichte schnurstracks auf die Liste für »lebensunwertes Leben« befördert hätte.

Das ist keine als geschichtsbewusst und moralisch getarnte Wehleidigkeit. Ich habe es erlebt, dass mir auf der Straße nachgezischt wurde, man hätte »sowas wie mich damals weggespritzt« – und das war keineswegs als Kritik an der Euthanasie-Politik der Nationalsozialisten gemeint. Wenn man mit dieser Realität konfrontiert ist, bekommt die sprachliche Markierung des Menschseins eine bedrohliche Note.

Die Ideologie der »Euthanasie« basierte genau darauf: auf der Einteilung von Menschen in Kategorien, deren Wert erst durch externe Instanzen festgestellt werden musste. Wenn »Mrs. Wohlmeinend« mir heute mein Menschsein sprachlich zuspricht, erinnert mich das – bei aller guten Absicht – an jene Instanzen, die sich das Recht herausnehmen, über den Status eines Lebens zu urteilen. Es ist dieser Unterton der großzügigen »Zuerkennung«, der das Gift in die moderne Sprache träufelt.

Das Gift im »Mensch mit...«

Die so genannte »Person-First Language« (PFL) – also die Praxis, das Wort »Mensch« voranzustellen – folgt der noblen Idee, die Person solle nicht über ihr Defizit definiert werden. Die bittere Ironie ist jedoch: PFL erreicht genau das Gegenteil. Indem sie die Behinderung als abtrennbares Attribut hinter das Wort »Mensch« schiebt, markiert sie dieses Merkmal erst recht als Defekt, den man wie eine Last vor sich her trägt. Linguistisch betrachtet enthält diese Konstruktion also bereits das Gift des Gegenteils.

Fragen wir uns doch einmal ehrlich: Was ist eigentlich das Gegenteil von »Mensch mit Behinderung«? Spoiler: Es ist nicht »Mensch ohne Behinderung«. Das sagt niemand. Die Phrase zieht nicht die Grenze zwischen Menschen mit und ohne Behinderung. Sie zieht, rein sprachlich, die Grenze zwischen »Menschen mit Behinderung« und Menschen. Einfach nur Menschen.

Dieser sprachliche Taschenspielertrick ist hochgradig toxisch. Wer das Menschsein extra betonen muss, suggeriert unbewusst, dass es ohne diese Betonung zweifelhaft wäre. Die Behinderung wird durch die sprachliche Isolation erst recht zum alles beherrschenden Brennglas der Identität – ein »Anhängsel«, das den Blick auf das Wesentliche verstellt. Niemand käme auf die Idee, einen Chirurgen als »Menschen mit operativer Funktion« zu bezeichnen, um dessen Menschsein zu retten. Die sprachliche Konstruktion offenbart, dass Behinderung in der Wahrnehmung der Mehrheitsgesellschaft eine so starke, negative Eigenschaft ist, dass sie das Individuum zu verschlingen droht, wenn man sie nicht grammatikalisch abspaltet.

Wie der Linguist Steven Pinker in seinem Konzept der Euphemismus-Tretmühle erläutert, ändern wir bei solchen Wortneuschöpfungen lediglich das Etikett auf dem Container, während der Inhalt – die gesellschaftliche Realität von Ausgrenzung und Mitleid – unverändert bleibt. Da Sprache die Realität abbildet, saugt sich auch der neue, »saubere« Begriff im Laufe der Zeit wie ein Schwamm mit den negativen Konnotationen der Realität voll. Aus »Krüppel« wurde »Behinderter«, daraus »Mensch mit Behinderung«, gefolgt von »Mensch mit besonderen Bedürfnissen«. Die Tretmühle dreht sich weiter, aber die Diskriminierung bleibt.

Moral Licensing: Gute Worte als Lizenz zur Untätigkeit

Warum hält Mrs. Wohlmeinend so verbissen an diesen Begriffen fest? Die Sozialpsychologie bietet eine Erklärung: »Moral Licensing«. Dieser Effekt beschreibt das Phänomen, dass Menschen, die eine Handlung vollzogen haben, die ihr moralisches Selbstbild stärkt (wie die Verwendung »korrekter« Sprache), sich anschließend eher erlauben, weniger ethisch oder strukturell zu handeln.

Wer »Mensch mit Behinderung« sagt und dabei das Gefühl hat, dem Gegenüber damit »sein Menschsein zurückzugeben«, wiegt sich in der Gewissheit, das Thema Inklusion damit moralisch einwandfrei adressiert zu haben. Die Motivation, sich nun auch noch für eine teure Rampe einzusetzen oder einen schwerbehinderten Bewerber einzustellen, sinkt. Sprache wird zum Ablasshandel.

Dies zeigt sich drastisch am deutschen Arbeitsmarkt. Während Unternehmen Inklusion als Kernwert in ihren bunten Broschüren preisen, sind die harten Fakten ernüchternd: Laut der Beschäftigungsstatistik der Bundesagentur für Arbeit beschäftigen rund 26 % der pflichtigen Arbeitgeber – das sind etwa 46.000 Unternehmen – keinen einzigen schwerbehinderten Menschen. Sie zahlen lieber die Ausgleichsabgabe, die oft schlicht als »Betriebsausgabe für Bequemlichkeit« eingepreist wird.

Wenn Steine wichtiger sind als Menschen

Nirgendwo wird die Diskrepanz zwischen rhetorischer Inklusion und faktischer Exklusion deutlicher als im Städtebau. Mein Lieblingsbeispiel ist eine Apotheke direkt gegenüber einem Krankenhaus, gelegen in einem prächtigen Gründerzeitbau. Um sie zu betreten, muss man mehrere ausgetretene Stufen erklimmen – ohne Geländer, ohne Rutsch-Schutz, man kann sich maximal mühsam an der nackten Hauswand abstützen. Bei einer Apotheke! Gegenüber einem Krankenhaus!

Als ich den Apotheker auf die fehlende Barrierefreiheit ansprach, seufzte er: Der Denkmalschutz verbiete jede Änderung der Fassade. Hier prallen zwei Welten aufeinander: Der symbolische Wert alter Steine gegen das fundamentale Menschenrecht auf Teilhabe. In einer Gemeinde, die sich in Sonntagsreden ihrer inklusiven Sprache rühmt, wiegt das historische Erscheinungsbild schwerer als die Würde derjenigen, die auf Medikamente angewiesen sind.

Dabei ist die Rechtslage eigentlich klar. Das Verwaltungsgericht Düsseldorf entschied bereits 2020, dass Apotheken barrierefrei zugänglich sein müssen und Notlösungen wie eine Funkklingel am Fuß der Treppe (»Bedienung auf dem Bürgersteig«) keine gleichwertige Teilhabe darstellen. Dennoch bleibt die Rampe oft ein politisches Schreckgespenst, während man sich lieber über die korrekte Platzierung des Wortes »Mensch« streitet.

Und dieses Schreckgespenst spukt nicht nur an privaten Fassaden; es beherrscht ganze Innenstädte und öffentliche Anlagen, in denen es massiv an Barrierefreiheit hapert. Jeder, der beispielsweise bei Glatteis eine Treppe im öffentlichen Raum ohne Geländer nutzen wollte, weiß, wovon ich spreche. Wer hier auf Kosten, Denkmalschutz oder Ausweichmöglichkeiten verweist und behauptet, dies sei doch keine Diskriminierung, sondern einfach »Pech«: Falsch. Es ist Diskriminierung pur. Denn irgendwo hat jemand bewusst entschieden, dass das Stadtsäckel und das Stadtbild wichtiger sind als die Menschen, die sich darin bewegen.

Die Macht der Selbstbezeichnung: Wer definiert hier wen?

Diese architektonische Arroganz spiegelt sich eins zu eins in der sprachliche Bevormundung wider. Wer uns den physischen Zugang zur Welt verwehrt, beansprucht meist auch die Deutungshoheit über unsere Identität. Wenn Mrs. Wohlmeinend so beharrlich auf dem Begriff »Mensch mit Behinderung« besteht, dann tut sie das nicht für uns, sondern um ihre eigene Position als moralische Instanz zu festigen. Es ist Zeit, diese Macht zurückzufordern.

Man missverstehe mich nicht: Wenn Betroffene sich selbst als »Menschen mit Behinderung« bezeichnen möchten, ist das ihre autonome Entscheidung und völlig zu akzeptieren. Problematisch ist die Machtausübung durch die Mehrheitsgesellschaft, die diese Begriffe normativ vorgibt.

In der Neurodiversitäts-Bewegung gibt es einen starken Trend zur »Identity-First Language« (IFL). Organisationen wie das Autistic Self Advocacy Network (ASAN) argumentieren, dass Autismus kein »Rucksack« ist, den man absetzen kann, sondern konstitutiver Teil der Identität. Sie sagen: »Ich bin Autist«, nicht »Ich habe Autismus«.

Ähnlich verhielt es sich mit der »Krüppelbewegung« der späten 1970er Jahre. Aktivisten eigneten sich das Schimpfwort an, um zu provozieren und Solidarität zu schaffen. Sie wollten keine sanften Euphemismen, die das Problem verschleiern, sondern eine Sprache, die wehtut, weil die Realität wehtut. Der Begriff »Behinderter« ist im Grunde ehrlicher, da er ein Passiv ist: Er beschreibt den Zustand, von einer Umwelt behindert zu werden, die nicht für alle Körper gebaut wurde.

Fazit: Nennt mich … Helmut.

Ich möchte nicht als »Mensch mit Behinderung« bezeichnet werden – jedenfalls nicht von jenen, die selbst ohne Behinderung durchs Leben gehen. Wie man mich stattdessen nennen soll? Die Antwort ist ganz einfach: Ich brauche überhaupt kein Etikett, solange es nicht unbedingt relevant ist.

In über 90 Prozent meiner täglichen Interaktionen spielt meine Hörschädigung oder meine Gehbehinderung keine Rolle. In diesen Momenten bin ich einfach Helmut. Herr Barz. Der Nachbar. Der Schriftsteller, der seinen Kaffee bestellt. Wenn die Behinderung relevant wird – etwa weil ich eine Rampe brauche oder ein Vis-à-vis für das Lippenlesen – dann benennen wir die Dinge beim Namen: »Ich höre schlecht« oder »Ich brauche Hilfe bei den Stufen«.

Wahre Inklusion beginnt nicht dort, wo wir neue Etiketten erfinden, um unser Gewissen zu beruhigen. Sie beginnt dort, wo wir die Barrieren einreißen, die diese Etiketten überhaupt erst notwendig machen. Inklusion ist kein sprachlicher Stuhlkreis, sondern eine harte Verteilungsfrage um Raum, Geld und Recht. »Mrs. Wohlmeinend« darf ihre Boxhandschuhe also gerne wieder einpacken – und stattdessen anfangen, Rampen zu bauen.

Ach ja: Wie man mich nennen soll? Mensch, natürlich. Denn ich bin einer. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

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