Die stille Revolution des Nicht-Besitzens
In unserem letzten Teil haben wir gesehen, dass die Frage »Verbrenner oder E-Auto« eigentlich schon längst entschieden ist – zumindest auf der technischen Ebene. Doch während wir uns noch leidenschaftlich über Motoren und Akkus streiten, vollzieht sich im Hintergrund eine viel fundamentalere Umwälzung. Es geht nicht mehr nur darum, wie wir fahren, sondern ob wir überhaupt noch ein eigenes Auto besitzen wollen.
Dieser Beitrag als Podcast
Der Moment, in dem mein Auto zum »Stehzeug« wurde
Alles begann für mich im Jahr 2019. Ich kaufte mir ein elektrisches Dreirad – ursprünglich eher als Sportgerät und für gemütliche Ausflüge im Rhein-Main-Gebiet gedacht. Doch die Realität des Alltags belehrte mich schnell eines Besseren. Ob der schnelle Kneipenbummel mit Freunden, der Termin beim Hausarzt oder die täglichen Erledigungen: Ich stellte fest, dass ich fast alles mit dem Rad schneller und stressfreier erledigen konnte als mit dem Auto.

Die Konsequenz war so drastisch wie messbar. Meine jährliche Fahrleistung im Auto sank von stolzen 15.000 km im Jahr 2019 auf mickrige 3.000 km im Jahr 2025. Mein Auto verbrachte die meiste Zeit in der Garage. Es wurde offiziell zum »Stehzeug«. In diesem Jahr ziehe ich die endgültige Konsequenz: Ich verkaufe meinen Pkw. Stattdessen schaffe ich mir ein Wohnmobil an. Da ich beruflich wieder mehr reise, spare ich mir so horrende Hotelkosten, während die Gesamtkosten (TCO) fast identisch bleiben. Den wöchentlichen Großeinkauf? Den erledige ich künftig per Rad mit einem Anhänger.
Die brutale Mathematik des Stillstands
Mein Fall ist kein Einzelschicksal, sondern ein Vorbote. Die ökonomische Rationalität des privaten Autos erodiert. Ein durchschnittlicher Pkw in Deutschland wird statistisch gesehen nur etwa eine Stunde am Tag bewegt. Die restlichen 23 Stunden steht er ungenutzt herum, blockiert wertvolle Fläche und verliert dabei kontinuierlich an Wert. In der Industrie würde man eine solche Auslastungsquote von gerade einmal 4 % als betriebswirtschaftliches Desaster bezeichnen.

Tabelle 1: Die Effizienz-Falle des Privat-Pkw
Faktor | Wert / Auswirkung |
Nutzungsdauer | ca. 1 Stunde / Tag |
Standzeit (»Stehzeug«) | ca. 23 Stunden / Tag |
Flächenverbrauch | 12 bis 15 Quadratmeter pro Fahrzeug |
Kostenentwicklung | Anwohnerparken: 30 € auf bis zu 360 € (Bsp. Tübingen) |
Neben dem Stillstand wird vor allem der Platz zum Luxusgut. In Ballungsräumen, wo Wohnraum knapp ist, beansprucht ein parkendes Auto 12 bis 15 Quadratmeter Fläche. Die Kommunen haben das erkannt und drehen massiv an der Kostenschraube. Wo früher symbolische 30 € für das Anwohnerparken fällig waren, rufen Städte heute bis zu 360 € pro Jahr auf. Wer sein Auto im öffentlichen Raum »lagern« will, zahlt künftig den Marktpreis für diese Fläche.
My Car is my Castle? Ein bröckelndes Ideal
Natürlich gibt es Widerstand. Das Auto im Eigenbesitz gilt vielen noch immer als Inbegriff von Freiheit – das berühmte »My Car Is My Castle«. Doch dieses Ideal bekommt Risse, je stärker die Brieftasche für den Besitz blutet. In den Städten wandelt sich das Image bereits: Der dicke SUV vor der Haustür wird zunehmend nicht mehr als Statussymbol, sondern als sperriges, teures Problem wahrgenommen.
Der Pkw im Eigenbesitz wird massiv an Bedeutung verlieren – außer in ländlichen Regionen, wo die Wege weit und die Alternativen rar sind. In den Ballungsräumen wird das eigene Auto zum Nischen-Hobby einer Klientel, die mancherorts bereits milde belächelt wird. Warum? Weil die Alternativen längst ein »Buffet der Mobilität« bieten, das bequemer und günstiger ist.
Das Buffet der Mobilität: Alternativen zum Besitz
Wir erleben heute eine Diversifizierung des Marktes, die den klassischen Pkw-Besitz systematisch ersetzt. Dabei geht es nicht um den Verzicht auf Bewegung, sondern um die Wahl des jeweils effizientesten Mittels.
Die SUVs der Radwege: E-Bikes und Lastenräder
Die Elektrifizierung des Zweirads hat den Radius des Fahrrads fundamental erweitert. Besonders Lastenräder haben sich als echte Game-Changer erwiesen. Im Jahr 2024 wurde in Deutschland der Meilenstein von einer Million verkaufter Lastenräder erreicht. Diese Fahrzeuge adressieren direkt die Transportfunktion des Autos: Ob Wocheneinkauf oder Kindertransport zur Kita – das Lastenrad erledigt dies in der Stadt oft schneller, da die quälende Parkplatzsuche entfällt und Staus einfach umfahren werden können.
Die Flatrate für die Schiene: Der ÖPNV-Turbo
Mit dem Deutschland-Ticket hat sich die ökonomische Logik für Millionen von Pendlern verändert. Die psychologische Hürde, für jede Fahrt ein neues, teures Einzelticket lösen zu müssen, ist gefallen. Für Inhaber dieser Flatrate sinken die Grenzkosten jeder weiteren Fahrt auf null. Studien wie der Ariadne-Report belegen, dass dies bereits heute zu einer signifikanten Verlagerung vom Pkw auf die Schiene führt, insbesondere auf Strecken über 30 Kilometern.
Nutzen statt besitzen: Das Wachstum des Car-Sharings
Car-Sharing hat den Sprung aus der ökologischen Nische in den Massenmarkt geschafft. Der Bundesverband CarSharing meldet für 2025 ein Wachstum auf über 5,5 Millionen Nutzer. Besonders das stationsbasierte Modell erweist sich als Entlastungswunder: Ein einziges geteiltes Fahrzeug ersetzt heute bis zu elf private Pkw. Wer nur gelegentlich ein Auto benötigt, fährt mit Sharing-Angeboten bis zu einer Jahresfahrleistung von 14.000 Kilometern deutlich günstiger als mit einem eigenen Neuwagen.
Mobilität auf Knopfdruck: Ride-Hailing und digitale Dienste
Für Fahrten, die weder durch das Rad noch durch Bus und Bahn abgedeckt werden, bieten Dienste wie Uber oder Free Now eine nahtlose digitale Brücke. Die Transparenz über Wartezeit und Festpreise hat das Vertrauen in »Mobility as a Service« gestärkt. Mobilität wird hier nicht mehr als Produkt (das Auto), sondern als Dienstleistung (die Fahrt) konsumiert – ein Modell, das die Ineffizienz des privaten Besitzes konsequent aushebelt.
Die Vision: Robotaxis und das Ende des Parkplatzes
Der wahre Game-Changer steht jedoch noch bevor: Das autonome Fahren. Sobald Robotaxis flächendeckend einsatzbereit sind, kippt das gesamte System. Ohne Personalkosten sinken die Preise für eine Fahrt auf ein Niveau, das den privaten Besitz ökonomisch vollständig entwertet. Prognosen gehen davon aus, dass die Kosten pro Kilometer von heute ca. 0,40 € auf unter 0,15 € fallen könnten.
Autonome Flotten müssen nicht parken. Sie sind unterwegs, bis sie gewartet oder geladen werden müssen. Zentrale Systeme können den Verkehr so steuern, dass Staus und Engpässe vermieden werden. Das Ergebnis? Weniger Fahrzeuge auf den Straßen, reibungsloser Verkehrsfluss und eine drastische Reduktion von Unfällen.
Fazit: Die Städte werden wieder dem Menschen gehören
All diese Entwicklungen führen zu einem Ziel, das über die bloße Fortbewegung hinausgeht. Wenn weniger »Stehzeuge« die Straßen verstopfen, gewinnen wir Raum zurück. Raum für Grünflächen, für Spielplätze, für Außengastronomie – kurz: Raum für Menschen.
Die Schadstoffbelastung sinkt, der Lärm verschwindet und die Effizienz steigt. Wir tauschen ein ineffizientes Statussymbol gegen ein intelligentes Netzwerk an Dienstleistungen. Die Mobilitätswende ist kein Verzicht, sondern die Befreiung von einer Last, die wir viel zu lange als Freiheit missverstanden haben. Es gab in der Geschichte schon Revolutionen mit deutlich schlechteren Ergebnissen, nicht wahr?
Dies ist der zweite und abschließende Teil unserer Serie über die Mobilität der Zukunft auf Wissenswert.
