16. Dezember 2025

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Warum wir das Haus anzünden, nur damit der Nachbar im Rauch sitzt

VON Helmut Barz

Über Wähler, die nicht gegen, sondern für ihre Interessen stimmen – nur eben nicht für die, die wir meinen.

Es ist gut zehn Jahre her, im Herbst 2014, da stand ich vor dem, was mein Traumhaus hätte sein können. Eine alte Schmiede, irgendwo im Rhein-Main-Gebiet. Die Mauern aus grob behauenen Felsstücken, vielleicht aus dem Spätmittelalter. Im Inneren in den 80er-Jahren von einem Liebhaber mit unendlich viel Geschmack und Sachverstand ausgebaut. Ein Meisterwerk. Doch der Bauherr verstarb kurz nach der Fertigstellung. Seitdem: Erbstreit. Leerstand. Verfall. Das Innere aus Holz: morsch, von Pilzen zerfressen, ein Totalschaden. Ein klassischer Fall von „Für Handwerker mit Vision“, wie Makler solche Ruinen euphemistisch nennen.

Der Makler, ein Mann, dem der Anblick des sterbenden Hauses sichtlich wehtat, seufzte und sagte einen Satz, der sich in mein Gedächtnis eingebrannt hat: „Wissen Sie, vielen Menschen ist es egal, wenn sie am Ende nichts bekommen. Hauptsache, jemand anderes bekommt auch nichts – oder am besten noch weniger.“

Dieser Satz kommt mir in letzter Zeit oft in den Sinn, wenn ich die Wahlerfolge rechtspopulistischer Parteien in ganz Europa betrachte. Und ich höre in den Diskussionen darüber immer wieder diese eine, etwas ratlose, etwas arrogante Phrase: „Die Leute wählen doch gegen ihre eigenen Interessen!“

Aber tun sie das wirklich? Oder haben wir einfach nicht verstanden, was ihre Interessen sind? Die Erinnerung an die Schmiede und dieser Satz des Maklers haben in mir einen furchtbaren Verdacht geweckt: Was, wenn das Interesse gar nicht darin besteht, das eigene Leben materiell zu verbessern? Was, wenn das eigentliche, unbewusste Ziel darin liegt, das Leben anderer zu verschlechtern, nur um den eigenen relativen Platz in der Hackordnung zu sichern? Und die beunruhigendste Frage von allen: Wie viel von dieser destruktiven Logik steckt vielleicht auch in mir selbst?

Das Missverständnis vom „falschen“ Interesse

Beginnen wir damit, uns von dieser bequemen Vorstellung zu verabschieden, ein signifikanter Teil der Wählerschaft sei einfach nur dumm oder uninformiert. Das ist intellektuell faul und führt uns keinen Schritt weiter. Die These meines Artikels, gestützt auf eine ganze Reihe von sozialpsychologischen und soziologischen Erkenntnissen, lautet: Diese Wähler handeln aus ihrer Sicht vollkommen rational. Sie maximieren nur einen anderen Nutzen als den, den wir gemeinhin unter „Interesse“ verstehen. Ihr höchstes Gut ist nicht der absolute Gewinn, sondern der relative soziale Status.

Der Nährboden für diesen Denkansatz ist selten extreme Armut. Es ist das, was die Wissenschaft als relative Deprivation bezeichnet. Entscheidend ist nicht, wie viel man objektiv im Portemonnaie hat, sondern das nagende Gefühl, im Vergleich zu einer bestimmten Bezugsgruppe unfair behandelt zu werden und zurückzufallen. Es ist der Groll des Facharbeiters, der sieht, wie sein Lebensstandard stagniert, während gefühlt „andere“ – seien es Manager, Migranten oder Akademiker in der Großstadt – an ihm vorbeiziehen.

Noch präziser wird es mit dem Konzept der „Last-Place Aversion“ (etwa: „Die Abscheu vor dem letzten Platz“). Studien haben gezeigt, dass die Angst vor dem sozialen Abstieg bei denen am größten ist, die sich knapp über dem Ende der Hierarchie befinden. Sie sind es, die am vehementesten nach unten treten. Ein drastisches Beispiel aus den USA: Geringverdiener, deren Lohn nur knapp über dem Mindestlohn liegt, sind die stärksten Gegner einer Mindestlohnerhöhung. Nicht aus volkswirtschaftlicher Weitsicht, sondern aus der panischen Angst, dass die Gruppe unter ihnen aufschließen und ihnen ihren winzigen, aber psychologisch überlebenswichtigen Statusvorteil nehmen könnte. Sie verzichten auf einen möglichen kollektiven Gewinn, um den relativen Abstand nach unten zu wahren.

Ressentiment als Geschäftsmodell des Populismus

Wenn dieses Gefühl der Benachteiligung und der Statusangst auf eine Erfahrung der politischen Ohnmacht trifft – das Gefühl, „die da oben“ würden einen sowieso nicht hören –, entsteht ein hochgiftiges Gebräu: Ressentiment. Das ist mehr als nur Wut. Es ist ein tiefsitzender, moralisch aufgeladener Groll. Die eigene Position wird zur Tugend („Wir sind das anständige, hart arbeitende Volk“), der Erfolg der anderen zum Laster („Die sind korrupt, dekadent, abgehoben“).

Und genau hier setzt das Geschäftsmodell des modernen Rechtspopulismus an. Populisten sind Unternehmer des Ressentiments. Sie erfinden diese Gefühle nicht, aber sie erkennen sie, validieren sie, geben ihnen eine Stimme und vor allem: ein klares Ziel.

Ihre Kommunikationsstrategie ist dabei genial und perfide zugleich. Sie führen einen Zwei-Fronten-Krieg, der die psychologischen Bedürfnisse ihrer Zielgruppe perfekt bedient:

  1. Nach oben: Gegen die „korrupte, volksferne Elite“ in Politik, Medien und Wissenschaft. Das kanalisiert das Ressentiment und liefert die Erklärung für die eigene Ohnmacht.
  2. Nach unten: Gegen „die Anderen“ – meist Migranten, Geflüchtete oder andere Minderheiten. Das bedient die „Last-Place Aversion“, indem es eine Gruppe definiert, die angeblich den eigenen Status, die eigene Kultur und die eigenen Ressourcen bedroht.

In dieser Weltsicht wird Politik zu einem Nullsummenspiel. Es geht nicht mehr darum, den Kuchen für alle größer zu machen. Es geht darum, mit aller Macht zu verhindern, dass die „Falschen“ ein Stück davon abbekommen. Und wenn der Preis dafür ist, dass der eigene Anteil auch schrumpft oder das ganze Haus abbrennt – dann sei es so. Hauptsache, die anderen bekommen auch nichts.

Die Falle der Anbiederung: Wie man dem Original die Wähler zutreibt

Die Reaktion der etablierten demokratischen Parteien auf diesen Vormarsch ist oft von einer fatalen strategischen Fehleinschätzung geprägt. In dem Glauben, den Populisten „den Wind aus den Segeln nehmen“ zu müssen, übernehmen sie Teile von deren Rhetorik und deren Themen. Sie sprechen plötzlich härter über Migration, schärfer über Sozialleistungsempfänger und bedienen das Narrativ der „Belastungsgrenze“.

Das ist nicht nur moralisch fragwürdig, es ist vor allem strategisch katastrophal. Warum? Weil es die Deutungsrahmen der Rechtspopulisten validiert. Wenn eine Regierungspartei plötzlich in einer ähnlichen Tonalität spricht wie die AfD, sendet sie die unmissverständliche Botschaft: „Die AfD hatte im Kern Recht. Das Problem, das sie benennt, ist real und wir haben es bisher vernachlässigt.“

Das Ergebnis ist absehbar und durch Wählerstromanalysen belegt: Wähler, die für diese Themen empfänglich sind, werden sich am Ende für das Original entscheiden, nicht für die blasse Kopie. Warum auch? Wer wählt schon den Politiker, der eine Position erst unter Druck und halbherzig übernimmt, wenn es eine Partei gibt, die diese Überzeugung laut, authentisch und von Anfang an vertritt? Die Strategie der Anbiederung ist ein politischer Bumerang. Sie normalisiert radikale Positionen, vergiftet den Diskurs und stärkt am Ende genau die Kräfte, die sie zu schwächen vorgab.

Raus aus der Missgunst-Zwickmühle – Aber wie?

Was also tun? In Alarmismus zu verfallen, wäre genauso falsch wie die ignorante Politik der letzten Jahre. Die Lage ist ernst, denn diese Politik der relativen Position zersetzt den Kitt unserer Gesellschaft: Solidarität, Kompromissfähigkeit und das Vertrauen in demokratische Institutionen.

Ein Patentrezept gibt es nicht, aber die Stoßrichtung ist klar und muss auf mehreren Ebenen ansetzen:

  1. Die Ursachen bekämpfen, nicht nur die Symptome: Die wirksamste Medizin gegen Statusangst ist die Reduzierung von existenzieller Unsicherheit und extremer sozioökonomischer Ungleichheit. Investitionen in Bildung, Gesundheit, bezahlbaren Wohnraum und stabile soziale Sicherungssysteme sind keine „linken Hobbys“, sondern die beste Brandschutzmauer für die Demokratie. Sie entschärfen die Brutalität des Statuswettbewerbs.
  2. Medienkompetenz als Schulfach: Wir müssen Menschen, junge wie alte, besser darin schulen, die Mechanismen von Desinformation und emotionaler Manipulation in den (sozialen) Medien zu durchschauen. Wer die Strategie erkennt, ist weniger anfällig für sie.
  3. Ein neues, inklusives „Wir“ formulieren: Die vielleicht schwierigste Aufgabe. Dem exklusiven, auf ethnischer und kultureller Abgrenzung basierenden „Wir“ der Populisten muss eine positive, integrative Vision entgegengesetzt werden. Eine Vision einer Gesellschaft, die ihre Stärke aus ihrer Vielfalt zieht und deren gemeinsamer Nenner demokratische Werte, Rechtsstaatlichkeit und gegenseitiger Respekt sind – und nicht Herkunft oder Hautfarbe.

Am Ende führt der Weg zurück zu meiner verfallenden Schmiede. Man kann zusehen, wie ein wertvolles Erbe durch Missgunst und Rechthaberei zerfällt, bis nichts mehr übrig ist. Oder man kann erkennen, dass der einzige Weg, etwas zu bewahren, darin besteht, miteinander zu reden und eine Lösung zu finden, bei der am Ende alle etwas gewinnen – auch wenn es nicht der alleinige, triumphale Sieg über den anderen ist.

Die Entscheidung, welche Art von Gesellschaft wir sein wollen, liegt bei uns. Aber wir sollten uns beeilen. Man hört das morsche Gebälk schon an allen Ecken knacken.

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