5. Februar 2026

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Was ist eigentlich Solutionism?

VON Helmut Barz

Stellen Sie sich vor, Sie suchen die Liebe Ihres Lebens. Früher war das eine Angelegenheit von schweißnassen Händen in verrauchten Bars, unangenehmen Verkupplungsversuchen durch Freunde oder schlicht dem puren Zufall an einer Bushaltestelle. Heute haben wir das »optimiert«. Wir wischen nach links, wir wischen nach rechts. Ein Algorithmus berechnet die Kompatibilität basierend auf Ihren Vorlieben für Arthouse-Filme und peruanisches Streetfood. Wir behandeln die Einsamkeit wie einen Software-Fehler, den man durch ein Update beheben kann.

Dieser Artikel als Podcast:

Es gibt für alles eine App, einen Sensor oder einen smarten Ring. Wir tracken unseren Schlaf, unsere Schritte und unsere Herzfrequenzvariabilität. Wir glauben fest daran, dass wir nur genügend Daten sammeln müssen, um die perfekte Version unserer selbst – und der Welt – zu erschaffen. Dieser Glaube ist die mächtigste Ideologie unserer Zeit. Der Publizist Evgeny Morozov hat ihr einen Namen gegeben: »Solutionism«. In seinem wegweisenden Werk kritisiert er die Falle des technologischen Solutionismus, bei der komplexe soziale Phänomene fälschlicherweise als rein technische Probleme missverstanden werden.

Die Welt als Ansammlung von Fehlern

Im Kern des Solutionism steht das Dogma der »Silicon Mentality«. Alles in unserem Leben wird als ein System betrachtet, das entweder effizient läuft oder »verbuggt« ist. Wenn es Staus in den Städten gibt, brauchen wir keine neue Stadtplanung, sondern autonome Fahrzeuge und Verkehrs-Algorithmen. Wenn Schüler schlechte Noten schreiben, brauchen wir keine kleineren Klassen, sondern eine Lern-App mit Gamification-Elementen. Das Problem bei diesem Denken ist nicht die Technik an sich, sondern die radikale Vereinfachung. Der Solutionist stellt sich nicht die Frage, warum ein Problem existiert oder ob die technische Lösung neue, noch größere Probleme schafft. Er sieht nur ein Hindernis, das durch Code aus dem Weg geräumt werden muss.

Die Zirkellogik der unfehlbaren Daten

Was den Solutionism jedoch von einer bloßen technischen Methode zu einer geschlossenen und in sich kranken Ideologie macht, ist eine beängstigende Zirkellogik. Sie erinnert an den alten Witz über autoritäre Parteien: »§1 Die Partei hat immer recht. §2 Sollte die Partei einmal nicht recht haben, tritt automatisch §1 in Kraft.« Übertragen auf das Silicon Valley lautet das göttliche Gesetz: »Die Lösung liegt in den Daten. Und wenn die Lösung noch nicht darin liegt, dann waren es einfach noch nicht genug Daten.« Diese Annahme immunisiert die Ideologie gegen jede Form von Kritik. Wenn ein Algorithmus versagt, wird das nicht als prinzipielles Scheitern der Methode gewertet, sondern als Aufforderung, noch tiefer in die Privatsphäre der Menschen einzudringen, um die »fehlenden Puzzleteile« zu finden.

Der unersättliche Hunger und das Ende der Privatsphäre

Dieser ideologische Datenhunger erklärt, warum Datenschutz und Privatsphäre im Solutionism als lästige Hindernisse für den Fortschritt betrachtet werden. Wenn die Daten die einzige Quelle der Wahrheit sind, dann ist jede Information, die nicht geteilt oder erfasst wird, ein Verrat am Gemeinwohl und an der »Lösung«. Shoshana Zuboff beschreibt dieses Phänomen eindringlich als Überwachungskapitalismus. In diesem System wird unser privatestes Erleben zum Rohstoff für Vorhersage-Algorithmen. Der Hunger ist grenzenlos, weil das System per Definition niemals »genug« wissen kann, um die absolute Perfektion zu erreichen. Privatsphäre wird so zu einem »Bug«, den man durch totale Transparenz beheben muss.

Die Verwechslung von zahmen und bösartigen Rätseln

Der fundamentale Denkfehler des Solutionism lässt sich zudem mit einer Unterscheidung erklären, die die Designtheoretiker Horst Rittel und Melvin Webber bereits 1973 einführten: der Unterschied zwischen »zahmen« und »bösartigen« Problemen (Wicked Problems). Ein zahmes Problem ist beispielsweise der Bau einer Brücke oder das Lösen einer mathematischen Gleichung. Es gibt ein klares Ziel, eine messbare Lösung und einen Endpunkt. Ein bösartiges Problem hingegen – wie Armut, Klimawandel oder soziale Ausgrenzung – hat keine definitive Formulierung. Sobald man versucht, es zu lösen, verändert es sein Gesicht. Diese Probleme sind zutiefst politisch und moralisch. Wie man sie angeht, hängt davon ab, welche Werte man priorisiert. Wer versucht, ein bösartiges Problem mit einer App zu »lösen«, wie es auf den Seiten der Stony Brook University anschaulich beschrieben wird, scheitert zwangsläufig an der menschlichen Komplexität.

Wenn Algorithmen Vorurteile zementieren

Besonders gefährlich wird es, wenn Solutionism in die Justiz oder die staatliche Verwaltung einzieht. Ein prominentes Beispiel ist der COMPAS-Algorithmus, der in den USA eingesetzt wurde, um die Rückfallwahrscheinlichkeit von Straftätern vorherzusagen. Die Idee klang nach »objektiver Gerechtigkeit«: Daten statt menschlicher Voreingenommenheit. Doch eine Untersuchung von ProPublica deckte auf, dass der Algorithmus tief voreingenommen war. Schwarze Angeklagte wurden systematisch als riskanter eingestuft als Weiße, selbst wenn ihre tatsächlichen Delikte weniger schwerwiegend waren. Die Technik hatte keine Lösung geschaffen, sondern den strukturellen Rassismus der Vergangenheit in die Zukunft verlängert – versteckt in einer »Black Box«, die sich jeder demokratischen Kontrolle entzieht.

Die Hohepriester und Tech-Propheten

Dieses geschlossene System hat längst pseudoreligiöse Züge angenommen. Die Anführer des Silicon Valley – Figuren wie Elon Musk oder Mark Zuckerberg – werden nicht mehr als bloße Unternehmer, sondern als messianische Gestalten verehrt, die die Menschheit vor dem Untergang retten werden (sei es durch die Besiedlung des Mars oder das Metaversum). Dieser Weg vom Übermensch zum Tech-Messias führt dazu, dass jede ihrer Handlungen als Teil eines größeren, unfehlbaren Plans interpretiert wird. Wer ihre Methoden kritisiert, gilt als »Luddit« oder Fortschrittsfeind. Diese Vergötterung vernebelt den Blick darauf, dass auch Tech-Milliardäre ideologisch getrieben sind und ihre »Lösungen« oft vor allem der eigenen Machtkonzentration dienen.

Die gefährliche Sehnsucht nach Reibungslosigkeit

Die Tech-Giganten werben oft mit dem Begriff der »Frictionless Society« – einer Gesellschaft ohne Reibung. Alles soll nahtlos ineinandergreifen, jede Zahlung, jede Interaktion, jeder Behördengang. Doch Reibung ist kein Fehler im System, sondern ein wesentliches Merkmal der Demokratie. Demokratie ist von Natur aus langsam, ineffizient und anstrengend. Sie erfordert Debatten, Kompromisse und das Aushalten von Widersprüchen. Wenn wir versuchen, diese Reibung durch »smarte« Systeme zu eliminieren, entpolitisieren wir unsere Gesellschaft. Wir werden von Bürgern zu Usern degradiert, die nur noch auf Knöpfe drücken, während die eigentlichen Entscheidungen von den Entwicklern der Plattformen getroffen werden.

Der Aufstieg des Dataismus

Der Historiker Yuval Noah Harari geht in seinen Analysen noch einen Schritt weiter und spricht vom »Dataismus« als einer neuen Weltreligion. In diesem Weltbild besteht das gesamte Universum nur noch aus Datenströmen. Der Wert jedes Lebewesens bemisst sich daran, wie viel es zur Datenverarbeitung beiträgt. Wenn wir uns dieser Logik unterwerfen, geben wir unsere menschliche Urteilskraft ab. Die klassische Ideologie sagte: »Hör auf dein Herz«. Der Solutionism sagt: »Hör auf den Algorithmus; er kennt dich besser als du dich selbst«. Das hat enorme Auswirkungen auf unsere Freiheit, da wir zunehmend nur noch das tun, was uns die Datenanalyse empfiehlt – vom nächsten Kauf bis zur Wahl unseres Partners.

Strategien für eine neue Technik-Demut

Wie entkommen wir der Versuchung, jedes Problem wegzuklicken? Der erste Schritt ist die Kultivierung von »Technik-Demut«. Wir müssen anerkennen, dass Technologie ein wunderbares Werkzeug sein kann, aber niemals ein Ersatz für politische Verhandlung und menschliche Begegnung ist. Eine interessante Gegenbewegung ist das »Slow Computing«, wie es in Fachportalen wie Bristol University Press diskutiert wird. Es plädiert dafür, Technologie bewusst langsamer und souveräner zu nutzen. Wir müssen wieder lernen, bösartige Probleme als das zu akzeptieren, was sie sind: Herausforderungen, die wir gemeinsam besprechen müssen, statt sie an einen Algorithmus auszulagern. Wir sollten aufhören zu fragen »Wie kann eine App das lösen?« und stattdessen fragen »Wie wollen wir als Gesellschaft eigentlich zusammenleben?«

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