30. April 2026

0 Kommentare

Auf der Suche nach der verlorenen Katharsis: Warum wir aufhören müssen, »Drama« und »Tragödie« falsch zu benutzen

VON Helmut Barz

Hand aufs Herz: Wir alle haben es schon getan. In einer Redaktionskonferenz, in einem schnellen Blog-Post oder im hitzigen Twitter-Thread. Da ist etwas Schreckliches passiert – ein Mord, ein Unfall, ein Suizid – und weil uns die Adjektive ausgehen oder weil wir die emotionale Wucht des Ereignisses sprachlich einfangen wollen, greifen wir in die Kiste mit den ganz großen Begriffen. »Familiendrama«, raunen wir dann. Oder: »Tragödie am Bahnsteig«.

Wir glauben, wir veredeln das Geschehene damit. In Wahrheit betreiben wir sprachliche Leichenfledderei an der Literaturwissenschaft und – was viel schlimmer ist – wir vernebeln die Realität. Wir machen aus Tätern »tragische Helden« und aus brutaler Gewalt ein »ästhetisches Ereignis«.

Ich habe wahrscheinlich selbst schon »Drama« geschrieben, wenn ich eigentlich nur »Unfall« meinte. Aber es ist Zeit, dass wir uns mal kurz hinsetzen und darüber reden, was diese Begriffe eigentlich bedeuten. Denn wenn alles ein Drama ist, ist am Ende nichts mehr Handlung.

Dieser Beitrag als undramatischer Podcast


1. Drama ist kein Adjektiv für »schlimm«

Fangen wir ganz vorne an, bei den alten Griechen. Das Wort »Drama« stammt von drân ab und bedeutet schlicht und ergreifend: Handlung. Es ist ein Oberbegriff für eine Gattung, die etwas zeigt, statt es nur zu erzählen.

Wenn eine Boulevardzeitung schreibt: »Balkon-Drama in Buxtehude«, suggeriert sie, dass dort ein strukturiertes Handlungsgeschehen stattgefunden hat. Aber ein Drama braucht eine Architektur. Nach Gustav Freytag braucht es fünf Akte: Eine Exposition, eine Steigerung, einen Höhepunkt (die Peripetie), eine Verzögerung und schließlich die Katastrophe oder Lösung.

Ein realer Unfall hat diese Struktur nicht. Er hat keine Exposition, in der uns die Zeit und der Ort vorgestellt werden. Er hat keinen bewusst komponierten Spannungsbogen. Er ist Chaos. Er ist ein Riss im Gefüge der Welt. Ihn als »Drama« zu bezeichnen, ist ein verzweifelter Versuch der Medien, dem Sinnlosen einen Sinn zu geben – eine erzählerische Geschlossenheit zu heucheln, wo nur Schmerz ist.

2. Die Tragödie: Wenn Größe zum Verhängnis wird

Noch schlimmer treiben wir es mit der »Tragödie«. In der Tagesschau ist fast jede Naturkatastrophe eine »Tragödie«. Literaturwissenschaftlich gesehen ist das kompletter Unfug.

Eine Tragödie ist nach Aristoteles die Nachahmung einer edlen Handlung. Sie braucht einen tragischen Helden. Und dieser Held braucht drei Dinge, damit wir überhaupt von einer Tragödie sprechen dürfen:

  1. Fallhöhe: Der Held muss von weit oben kommen. Früher war das die »Ständeklausel« (Könige, Adelige). Heute definieren wir das eher über moralische Integrität oder soziale Bedeutung.
  2. Hamartia (Der tragische Fehler): Der Held scheitert nicht, weil er ein böser Mensch ist. Er scheitert an einem Urteilsfehler oder einer Unwissenheit. Er wird »schuldlos schuldig«.
  3. Hybris: Die anmaßende Selbstüberschätzung. Der Held glaubt, er könne das Schicksal überlisten.

Ein Kind, das beim Baden ertrinkt, ist ein unfassbarer Schmerz. Aber es ist keine Tragödie. Es fehlt der tragische Konflikt. Es fehlt die moralische Entscheidung. Ein Schicksalsschlag ist kein tragisches Storytelling-Tool. Wenn wir das Kind zum Opfer einer »Bade-Tragödie« machen, rauben wir dem Ereignis seine brutale, zufällige Realität und schieben es in den Bereich des Metaphysischen ab. Das ist bequem für uns, aber respektlos gegenüber dem Opfer.

3. Die Katharsis vs. der Gaffer-Effekt

Aristoteles sagte, das Ziel der Tragödie sei die Katharsis – die Reinigung der Affekte durch Jammer (Mitleid) und Schaudern (Furcht).

Wenn wir ein echtes Drama sehen, etwa Shakespeares »Hamlet«, dann durchleben wir diese Gefühle in einem geschützten, ästhetischen Raum. Wir gehen geläutert aus dem Theater.

Was passiert aber, wenn wir eine Schlagzeile über einen »erweiterten Suizid« lesen, der als »Familiendrama« gelabelt wird? Erfahren wir eine Reinigung? Nein. Wir erfahren Schock, Entsetzen oder – seien wir ehrlich – eine Form von voyeuristischer Neugier.

Medien nutzen diese Begriffe als »Emotional-Trigger«, um die Aufmerksamkeitsökonomie zu bedienen. Sie versprechen uns eine Geschichte, wo eigentlich nur ein Verbrechen ist. Das ist kein Mitleid, das ist Gaffen mit literarischem Anstrich.

4. Das Gift in der Sprache: »Beziehungsdrama« und andere Lügen

Kommen wir zum polemischen Kern der Sache. Es gibt Begriffe, die gehören auf den Index der Schande. Ganz vorne mit dabei: das »Beziehungsdrama«.

Wenn ein Mann seine Ex-Partnerin tötet, weil er ihren Wunsch nach Trennung nicht akzeptiert, dann ist das kein Drama. Ein Drama impliziert ein Handeln zwischen zwei (oft gleichberechtigten) Parteien. Es suggeriert eine »tragische Verstrickung«, bei der beide irgendwie schuld sind.

Die Realität ist: Es ist ein einseitiger Gewaltakt. Es ist ein Femizid. Den Begriff »Drama« hier zu verwenden, ist Täter-Opfer-Umkehr par excellence. Es veredelt einen feigen Mord zu einem schicksalhaften Ereignis, gegen das man ja »nichts tun konnte«.

Dasselbe gilt für den »erweiterten Suizid«. Ein Suizid ist die Selbsttötung. Wenn man vorher seine Kinder und seine Frau tötet, ist das Mord. Punkt. Die Leitlinien zur Suizidberichterstattung warnen nicht umsonst vor einer Heroisierung oder Dramatisierung solcher Taten. Wer hier von einer »Tragödie« schreibt, macht den Mörder unverdient zum Protagonisten einer Geschichte.

5. Wann darf man es denn nun so nennen?

Darf man diese Begriffe überhaupt noch auf die Realität übertragen? Ja, man darf – wenn die Struktur stimmt.

  • Der Fall Richard Nixon: Das ist eine Tragödie. Ein mächtiger Mann, dessen Hybris und sein charakterlicher Fehler (Paranoia) ihn zu Fall brachten. Sein Untergang war die notwendige Folge seiner eigenen Größe.
  • Alan Turing: Ein tragischer Held. Er rettet Millionen Menschen durch sein Genie und wird genau für die Identität zerstört, die er nicht verleugnen kann. Das ist ein unlösbarer Konflikt zwischen Individuum und System. Das ist tragisch.
  • Guttenberg und die Dissertation: Man könnte es als politisches Drama inszenieren. Es gibt eine Exposition (der gefeierte Star), eine Hybris (das Plagiat), eine Peripetie (die Entdeckung) und die Katastrophe (der Rücktritt).

Aber: Ein Flugzeugabsturz wegen eines technischen Defekts? Keine Tragödie. Es fehlt das handelnde Subjekt, das eine falsche Entscheidung trifft. Es ist ein Unglück. Ein schreckliches, gewaltiges Unglück. Aber kein Drama.

6. Der Werkzeugkasten für die Redaktion: Präzision statt Pathos

Leute, wir müssen wieder lernen, die Dinge beim Namen zu nennen. Es kostet Klicks, ich weiß. »Unglücksfall« klingt weniger sexy als »Tragödie«. Aber es ist wahrhaftiger.

Statt…Besser…Warum?
FamiliendramaTötungsdelikt / BeziehungstatWeil es kein Zwiegespräch ist, sondern Gewalt.
Tragödie am GleisTödlicher UnfallWeil es kein schicksalhafter Heldenfall ist.
BeziehungsdramaFemizid / GewaltverbrechenWeil Schuld nicht geteilt wird.
Drama um XYZKonflikt / Krise / KontroverseWenn es um Politik oder Prozesse geht.

Fazit: Ein Plädoyer für die Nüchternheit

Wir Journalisten und Schreiberlinge haben eine Verantwortung. Wir sind keine Drehbuchautoren für das Leben anderer Menschen. Wenn wir reale Leiden in literarische Formen pressen, nur damit die Headline besser »knallt«, dann verraten wir unser Handwerk.

Drama und Tragödie sind wundervolle Werkzeuge, um die menschliche Existenz auf der Bühne oder in der Fiktion zu erforschen. Aber in der Nachrichtenspalte haben sie oft nichts verloren. Geben wir Aristoteles seine Begriffe zurück und den Opfern ihre Würde.

Seien wir nüchtern, wo die Realität schon grausam genug ist. Das ist kein Mangel an Empathie – es ist die höchste Form des Respekts vor der Wirklichkeit.

{"email":"Email address invalid","url":"Website address invalid","required":"Required field missing"}

Und? Habe ich Sie inspiriert?

Sie möchten das Gelesene persönlich diskutieren, mich mit Lob überhäufen oder so richtig die Meinung geigen? Ich bin nur ein Kontaktformular oder eine E-Mail von Ihnen entfernt.

Kein Fan von Formularen? Dann schreiben Sie mir einfach eine E-Mail: helmut@helmut-barz.com
>